Einzelvormund

Als Vormund soll eine Person ausgewählt werden, die nach ihren persönlichen Verhältnissen sowie nach den sonstigen Umständen zur Führung der Vormundschaft in der Lage ist (§ 1779 Abs. 2 BGB).Steht eine solche Person nicht zur Verfügung, kann das Jugendamt (§1791 b BGB) oder ein Verein mit der Führung der Vormundschaft beauftragt werden. Besteht eine Amtsvormundschaft, ist das Jugendamt gem. § 56 SGB VIII Führung der Beistandschaft, der Amtspflegschaft und der Amtsvormundschaft gesetzlich dazu verpflichtet, jährlich zu überprüfen, ob nun ein geeigneter Einzelvormund zur Verfügung steht und dies ggf. dem Gericht zu melden. Wird dem Gericht bekannt, dass eine geeignete Person zur Verfügung steht und dient die Einsetzung dieser Person als Einzelvormund dem Wohl des Kindes, hat das Gericht den Amtsvormund zu entlassen und einen Einzelvormund zu bestellen.(§ 1887 BGB).

Die Einzelvormundschaft ist somit vor der Amtsvormundschaft immer vorrangig. Denn vom Sinn der Vormundschaft her, ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Vormund unabdingbar – schließlich entscheidet der Vormund in allen das Kind betreffenden grundsätzlichen Angelegenheiten und ist gehalten, diese Entscheidungen so zu treffen, dass sie zum Wohl des Kindes sind. Hierfür muss der Vormund das Kind kennen und regelmäßigen und vertrauten Kontakt zu ihm haben. Dies kann eine natürliche Person einfacher leisten, als der Vertreter einer Institution.

Pflegeeltern als Vormund für ihr Pflegekind

Pflegeeltern sind natürliche Personen. Sie leben mit dem Pflegekind zusammen und kennen es. Daher kommen sie grundsätzlich als Vormund in Betracht. Pflegekinder wünschen sich oft, dass ihre Pflegeeltern die „volle Entscheidungsgewalt“ haben, dass sie sie z.B. bei grundsätzlichen schulischen Belangen oder in allen gesundheitlichen Fragen vertreten können und hierzu keine „Erlaubnis“ benötigen. Dies kann das Vertrauen des Kindes in seine Pflegeeltern stärken.

Bei der Benennung eines Einzelvormundes hat das Vormundschaftsgericht zwei Fragen zu prüfen:
1. Kommt die Person als Vormund überhaupt in Betracht?
2. Kommt sie für dieses Kind in Betracht?

Die erste Frage ist bei Pflegeeltern grundsätzlich zu bejahen. Denn die Anforderungen, die an die Geeignetheit als Pflegeeltern gestellt werden, liegen höher als die Anforderungen, die eine Person als Vormund geeignet erscheinen lassen.

Bei der zweiten Frage hat das Gericht zu prüfen, ob Pflegeeltern für ihr Pflegekind Vormund werden können.
Diese Frage ist zu bejahen, wenn
· das Pflegekind bereits seit geraumer Zeit in der Pflegefamilie lebt und dort auf Dauer verbleiben soll,
· es keine besonderen Schwierigkeiten im Pflegeverhältnis gibt, die die Einsetzungen einer „neutralen“ Entscheidungsperson als Vormund (z.B. als „Puffer“ zwischen leiblichen und Pflegeeltern) sinnvoll erscheinen lassen,
· keine Interessenskonflikte der Pflegeeltern (in ihrer Doppelrolle Pflegeeltern-Vormund) zu erwarten sind und
· die Pflegeeltern zur Übernahme der Vormundschaft bereit sind.
Nicht von Bedeutung ist die Tatsache, dass der Amtsvormund seine Aufgabe möglicherweise bisher gut gemacht hat, denn auch in diesem Fall ist die Benennung einer geeigneten Person als Einzelvormund vorrangig.

Pflegeeltern können selber bei Gericht beantragen, anstelle eines Amtsvormundes als Einzelvormund für ihr Pflegekind eingesetzt zu werden. Das Gericht beteiligt dann das Jugendamt, die leiblichen Eltern, die Pflegeeltern und – je nach Alter angemessen – das Kind. In der Regel wird auch ein Verfahrenspfleger bestellt.

Haben die leiblichen Eltern noch das Sorgerecht, können sie oder die Pflegeeltern (mit Zustimmung der leiblichen Eltern) bei Gericht beantragen, dass das Sorgerecht oder Teile davon auf die Pflegeeltern übertragen werden.

Gemäß § 1775 BGB ist es auch möglich, beide Pflegeeltern (Ehepaar) gemeinschaftlich zu Vormündern oder Pflegern zu bestellen.

Pflegeeltern erhalten für das Führen der Vormundschaft auf Antrag eine jährliche pauschale Aufwandsentschädigung. Sind beide Pflegeeltern gemeinschaftlich als Vormund eingesetzt, können beide die Aufwandsentschädigung beantragen.

Auch Pflegeeltern sind verpflichtet, ihre Handlungen als Vormund am Wohl des Kindes auszurichten und gegenüber dem Gericht regelmäßig Bericht zu erstatten.

Sie haben gegenüber dem Gericht (§ 1837 BGB) und dem Jugendamt (§ 53 SGB VIII Beratung und Unterstützung von Pflegern und Vormündern) einen Anspruch auf Beratung.

Es ist auch möglich, dass das Gericht den Pflegeeltern nicht die gesamte Vormundschaft überträgt, sondern lediglich eine Pflegschaft und für im Pflegeverhältnis problematischere Bereiche (z.b. das Umgangsrecht oder die Vermögenssorge) einen Ergänzungspfleger bestellt.

Pflegeeltern, die Vormund für ihr Pflegekind werden, bleiben Pflegepersonen gem. § 33 SGB VIII Vollzeitpflege und haben weiterhin Anspruch sowohl auf Pflegegeld als auch auf Unterstützung und Beratung des Jugendamtes.

Andere Personen als Einzelvormund

Wenn Pflegeeltern nicht als Vormund in Betracht kommen, weil es z.B. zu einem Interessenkonflikt kommen könnte, kann auch einen andere neutrale Person zum Einzelvormund bestellt werden. Dies kann entweder eine Person aus dem Umfeld des Kindes oder aber eine dem Kind bisher noch unbekannte, mit der Problematik von Pflegekindern aber vertraute Person sein (z.B. ein Vertreter eines Verbandes, eine erfahrene Pflegemutter). Sowohl die Pflegeeltern als auch die Person selber können dem Gericht als in Frage kommender Vormund benannt werden, bzw. sich vorschlagen. Das Gericht hat dann zu prüfen (wie oben beschrieben).

Projekt: Ehrenamtliche Einzelvormünder für Pflegekinder der BAG KiAP

Ausgehend von der Vorrangigkeit von Einzelvormündern führte die BAG KiAP ein Projekt zur Gewinnung, Schulung und Begleitung von ehrenamtlichen Vormündern durch. Weitere Informationen hier.

Anmerkung: Alle Ausführungen bezüglich der Beantragung und Führung der Einzelvormundschaft gelten auch für die Pflegschaft (§ 1915 BGB).

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Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche §35a SGBVIII

(1) Kinder oder Jugendliche haben Anspruch auf Eingliederungshilfe, wenn
1. ihre seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht, und
2. daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Von einer seelischen Behinderung bedroht im Sinne dieses Buches sind Kinder oder Jugendliche, bei denen eine Beeinträchtigung ihrer Teilhabe am Leben in der Gesellschaft nach fachlicher Erkenntnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. § 27 Abs. 4 gilt entsprechend.

(1a) Hinsichtlich der Abweichung der seelischen Gesundheit nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 hat der Träger der öffentlichen Jugendhilfe die Stellungnahme
1. eines Arztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie,
2. eines Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder
3. eines Arztes oder eines psychologischen Psychotherapeuten, der über besondere Erfahrungen auf dem Gebiet seelischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen verfügt,

einzuholen. Die Stellungnahme ist auf der Grundlage der Internationalen Klassifikation der Krankheiten in der vom Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information herausgegebenen deutschen Fassung zu erstellen. Dabei ist auch darzulegen, ob die Abweichung Krankheitswert hat oder auf einer Krankheit beruht. Die Hilfe soll nicht von der Person oder dem Dienst oder der Einrichtung, der die Person angehört, die die Stellungnahme abgibt, erbracht werden.

(2) Die Hilfe wird nach dem Bedarf im Einzelfall
1. in ambulanter Form,
2. in Tageseinrichtungen für Kinder oder in anderen teilstationären Einrichtungen,
3. durch geeignete Pflegepersonen und
4. in Einrichtungen über Tag und Nacht sowie sonstigen Wohnformen geleistet.

(3) Aufgabe und Ziel der Hilfe, die Bestimmung des Personenkreises sowie die Art der Leistungen richten sich nach § 53 Abs. 3 und 4 Satz 1, den §§ 54, 56 und 57 des Zwölften Buches, soweit diese Bestimmungen auch auf seelisch behinderte oder von einer solchen Behinderung bedrohte Personen Anwendung finden.

(4) Ist gleichzeitig Hilfe zur Erziehung zu leisten, so sollen Einrichtungen, Dienste und Personen in Anspruch genommen werden, die geeignet sind, sowohl die Aufgaben der Eingliederungshilfe zu erfüllen als auch den erzieherischen Bedarf zu decken. Sind heilpädagogische Maßnahmen für Kinder, die noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, in Tageseinrichtungen für Kinder zu gewähren und lässt der Hilfebedarf es zu, so sollen Einrichtungen in Anspruch genommen werden, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam betreut werden.

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Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen §42 SGBVIII

  1. Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn
a.das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet oder
b.eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert und
1.die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder
2.eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann oder
3.ein ausländisches Kind oder ein ausländischer Jugendlicher unbegleitet nach Deutschland kommt und sich weder Personensorge- noch Erziehungsberechtigte im Inland aufhalten.
  • Die Inobhutnahme umfasst die Befugnis, ein Kind oder einen Jugendlichen bei einer geeigneten Person, in einer geeigneten Einrichtung oder in einer sonstigen Wohnform vorläufig unterzubringen; im Fall von Satz 1 Nr. 2 auch ein Kind oder einen Jugendlichen von einer anderen Person wegzunehmen.

2.Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme die Situation, die zur Inobhutnahme geführt hat, zusammen mit dem Kind oder dem Jugendlichen zu klären und Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung aufzuzeigen. Dem Kind oder dem Jugendlichen ist unverzüglich Gelegenheit zu geben, eine Person seines Vertrauens zu benachrichtigen. Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen zu sorgen und dabei den notwendigen Unterhalt und die Krankenhilfe sicherzustellen; § 39 Absatz 4 Satz 2 gilt entsprechend. Das Jugendamt ist während der Inobhutnahme berechtigt, alle Rechtshandlungen vorzunehmen, die zum Wohl des Kindes oder Jugendlichen notwendig sind; der mutmaßliche Wille der Personensorge- oder der Erziehungsberechtigten ist dabei angemessen zu berücksichtigen. 3,Das Jugendamt hat im Fall des Absatzes 1 Satz 1 Nr. 1 und 2 die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten unverzüglich von der Inobhutnahme zu unterrichten und mit ihnen das Gefährdungsrisiko abzuschätzen. Widersprechen die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten der Inobhutnahme, so hat das Jugendamt unverzüglich

1.das Kind oder den Jugendlichen den Personensorge- oder Erziehungsberechtigten zu übergeben, sofern nach der Einschätzung des Jugendamts eine Gefährdung des Kindeswohls nicht besteht oder die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten bereit und in der Lage sind, die Gefährdung abzuwenden oder
2.eine Entscheidung des Familiengerichts über die erforderlichen Maßnahmen zum Wohl des Kindes oder des Jugendlichen herbeizuführen.

Sind die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten nicht erreichbar, so gilt Satz 2 Nr. 2 entsprechend. Im Fall des Absatzes 1 Satz 1 Nr. 3 ist unverzüglich die Bestellung eines Vormunds oder Pflegers zu veranlassen. Widersprechen die Personensorgeberechtigten der Inobhutnahme nicht, so ist unverzüglich ein Hilfeplanverfahren zur Gewährung einer Hilfe einzuleiten. 4.Die Inobhutnahme endet mit

1.der Übergabe des Kindes oder Jugendlichen an die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten,
2.der Entscheidung über die Gewährung von Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch.

5.Freiheitsentziehende Maßnahmen im Rahmen der Inobhutnahme sind nur zulässig, wenn und soweit sie erforderlich sind, um eine Gefahr für Leib oder Leben des Kindes oder des Jugendlichen oder eine Gefahr für Leib oder Leben Dritter abzuwenden. Die Freiheitsentziehung ist ohne gerichtliche Entscheidung spätestens mit Ablauf des Tages nach ihrem Beginn zu beenden. 6.Ist bei der Inobhutnahme die Anwendung unmittelbaren Zwangs erforderlich, so sind die dazu befugten Stellen hinzuzuziehen.

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Innenhaftpflicht

Um sich vor finanziellen Folgen durch Schäden innerhalb der Pflegefamilie zu schützen, benötigen Pflegeeltern eine Innenhaftpflicht.

Pflegeeltern benötigen zur Vollständigkeit die so genannte Innenversicherung, damit Schäden innerhalb der Pflegefamilie versichert sind.

Zu den versicherten Personen zählen in der “normalen” Privat Haftpflicht Versicherung der Versicherungsnehmer, der Ehegatte und die Kinder. Pflegekinder werden wie leibliche Kinder behandelt. Es sind Personen-, Sach- und Vermögensschäden versichert, welche einem Drittem durch eine versicherte Person zugefügt werden. Schäden untereinander werden von dieser Versicherung nicht übernommen.

Was also, wenn Pflegeeltern den Pflegekindern oder Pflegekinder den Pflegeeltern einen Schaden zufügen?

Welche Versicherung zahlt bei Schäden zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern?

Genau, die Innenhaftpflichtversicherung. Wie oben bereits erwähnt leistet die “normale” private Haftpflicht Versicherung bei Schäden zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern nicht. Die zuständigen Jugendämter übernehmen teilweise Schäden zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern und zahlen diese aus der Gemeindekasse.

Achtung: Die Jugendämter müssen keine Schäden übernehmen, welche die Pflegeeltern den Pflegekindern zugefügt haben. Dies entschied der Bundesgerichtshof bereits am 23.02.2006. mehr lesen

In vielen Fällen besteht über das Jugendamt auch eine spezielle Versicherung für Pflegeeltern. Doch Vorsicht, die Verträge weisen oft gravierende Versicherungslücken auf.

Für unter 60,-€ pro Jahr können Sie da finanzielle Risiko absichern. Wenn Sie wissen wollen, wie Sie die Binnenversicherung kostenfrei bekommen können, kontaktieren Sie mich bitte über unser Kontaktformular.

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Bindungsstörung

Die Bindungsstörungen des Kindes gehören gemäß ICD-10 zur Gruppe gestörter sozialer Funktionen. Es wird unterschieden in
reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1, entspricht „gehemmte Form“ im DSM-IV) und
Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2, entspricht „ungehemmte Form“ im DSM-IV).

Die Symptome einer reaktiven Bindungsstörung im Kindesalter sind:

1. Störungen der sozialen Funktion:
• Abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen mit einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung und Widerstand gegen Zuspruch
• Eingeschränkte Interaktion mit Gleichaltrigen
• Beeinträchtigung des sozialen Spielens
• Gegen sich selbst und andere gerichtete Aggressionen und

2. Emotionale Auffälligkeiten
• Furchtsamkeit
• Übervorsichtigkeit
• Unglücklichsein
• Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit
• Verlust/Mangel an emotionalen Reaktionen
• Apathie
• „frozen watchfulness“ („eingefrorene Wachsamkeit“).

Im Rahmen der Diagnostik sollen die Störungen im sozialen und emotionalen Bereich nicht nur gegenüber einer Person, sondern in verschiedenen sozialen Situationen zu beobachten sein. Die reaktive Bindungsstörung tritt besonders bei jüngeren Kindern auf.

Die Ursachen einer reaktiven Bindungsstörung im Kindesalter sind vor allem in Vernachlässigung und Verwahrlosung im frühen Kindesalter zu sehen.

Die Symptome einer Bindungsstörung im Kindesalter mit Enthemmung sind überwiegend Störungen der sozialen Funktionen:

• Abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen mit einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung und Widerstand gegen Zuspruch
• Inadäquate Reaktionen auf Beziehungsangebote von Bezugspersonen
• Nicht-selektives Bindungsverhalten mit wahlloser Freundlichkeit und Distanzlosigkeit
• Gleichförmige Interaktionsmuster gegenüber Fremden
• Eingeschränkte Interaktion mit Gleichaltrigen
• Beeinträchtigung des sozialen Spielens
• Gegen sich selbst und andere gerichtete Aggressionen

Emotionale Auffälligkeiten können vorkommen, stehen aber nicht im Vordergrund. Die Bindungsstörung mit Enthemmung entwickelt sich in der Regel im fünften Lebensjahr aus der erstgenannten Störung.

Diagnostik von Bindungsstörungen

Die Symptome von Bindungsstörungen ähneln denen anderer möglicher Diagnosen. Symptomähnliche Diagnosen können sein:
• Psychosoziale Probleme infolge von sexueller oder körperlicher Misshandlung im Kindesalter
• Körperliche Probleme infolge von Misshandlung
• Autismus (Diagnostikunterschied: Sprachvermögen intakt)
• Asperger Syndrom
• Anpassungsstörungen/ Schizoide Persönlichkeitsstörung/ Formen der Schizophrenie (Diagnostikunterschied: keine Wahnvorstellungen)
• Kognitive Behinderungen (Diagnostikunterschied: Intelligenz normal ausgeprägt)

Im Rahmen der Diagnostik müssen diese möglichen anderen Störungen ausgeschlossen werden.

Hierbei ist ein sorgfältiges Vorgehen erforderlich. Durch:

• die Exploration der Bezugspersonen: allgemeiner Entwicklungsverlauf des Kindes, Entwicklung der Symptomatik, Lebensbedingungen, Wechsel von Bezugspersonen, Betroffensein von aktiver oder passiver Misshandlung und/oder sexuellem Missbrauch
• Informationen von Fachkräften, die das Kind kennen (Schule, Kindergarten, Kinderarzt, Jugendamt): Verhalten, Entwicklungsstand und Leistung
• die Exploration des Kindes (in Abhängigkeit vom Alter): Ausmaß der Störungen, der aktuellen und zu erwartenden Beeinträchtigungen und
• eine körperliche und psychiatrische Untersuchung des Kindes: Ausschluss symptomähnlicher Diagnosen

soll ein möglichst umfassendes Bild entstehen.

Zudem ist zu untersuchen, ob möglicherweise Begleitstörungen (z.B. Störungen des Sozialverhaltens, Hyperkinetische Störungen, Angststörungen) vorliegen.

Behandlung von Bindungsstörungen

Ziele der Behandlung von Bindungsstörungen sind
1. die (Wieder-)Herstellung eines die Entwicklung fördernden Bezugsrahmens, der dem Kind Bindungsstabilität bieten kann. Dies kann u.U. die Herausnahme aus dem derzeitigen Bezugsrahmen nötig machen. Der Bezugsrahmen soll idealerweise alle das Kind betreffenden psychosozialen Kontakte umfassen (Familie, Pflegefamilie, Heim, Kindergarten, Schule…) und
2. die Aufarbeitung der eventuell bestehenden Entwicklungsbeeinträchtigungen.

Dies kann auf ambulantem, teilstationärem oder stationärem Weg erfolgen. Welche Art der Behandlung angezeigt ist, ist abhängig von dem Schweregrad der Störung, von Ausmaß und Auftreten von Entwicklungsbeeinträchtigungen (wie stark, nur in der Familie oder auch an anderen Orten) und der Funktionsfähigkeit des psychosozialen Umfeldes.

Ambulante Behandlung

Ist die Funktionsfähigkeit überwiegend nur in einem Bereich gestört (z.B. Familie) und ist die Eingliederung in den bisherigen Bezugsrahmen wieder möglich, kommt eine ambulante Behandlung in Betracht.
Sie umfasst
• die Aufklärung der familiären Bezugspersonen über die Symptomatik und evtl. Begleitstörungen und über Verlauf und Prognose sowie die Beratung und Begleitung der Bezugspersonen im Hinblick auf ihr Verhalten dem Kind gegenüber (Reflexion/ Supervision, Verhaltensänderung, Verhaltensteuerung, Stärkung)
• Aufklärung und Beratung von Erziehern und Lehrern und anderen nicht-familiären Bezugspersonen
• Aufklärung des Kindes (in altersangemessener Weise) bzgl. der Gründe seines Verhaltens
• psychotherapeutische Einzel- oder Gruppenmaßnahmen
• evtl. funktionelle Therapien (z.B. Krankengymnastik, Logopädie, Ergotherapie), sofern entsprechende Entwicklungsstörungen vorliegen
• evtl. medikamentöse Therapie
• evtl. Behandlung von Begleitstörungen wie hyperkinetisches Syndrom

Teilstationäre Behandlung

Ist die Funktionsfähigkeit in mehr als einem Bereich gestört (z.B. Schule und Familie), eine Eingliederung in den bisherigen Bezugsrahmen jedoch wieder möglich, kommt eine teilstationäre Behandlung in Betracht. Sie bedeutet z.B. die tageweise Unterbringung des Kindes in einer sozialpädagogischen Tagespflege oder einer Tagesgruppe der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort erfolgen die therapeutischen Angebote an das Kind.

Die teilstationäre Behandlung entlastet die Bezugspersonen, stellt aber gleichzeitig sehr hohe Anforderungen an ihre Kooperationsbereitschaft und –fähigkeit, da das (bindungsgestörte!) Kind einem ständigen Wechsel des Bezugsrahmens ausgesetzt ist.

Stationäre Behandlung

Die stationäre Behandlung ist dann angezeigt, wenn aufgrund des Schweregrades der Symptomatik die Eingliederung des Kindes in sein bisheriges bindungsstabiles Milieu nicht unmittelbar möglich ist, sondern längerfristig vorbereitet werden muss.

Im Rahmen der stationären Behandlung mit dem Ziel der Wiedereingliederung in den bisherigen Bezugsrahmen ist es unabdingbar, dass dem Kind die Bezugspersonen erhalten bleiben.

Ist eine Rückkehr in das bisherige Lebensumfeld nicht möglich (z.B. weil das bisherige Lebensumfeld des Kindes sich als nicht Entwicklungsfördernd und Bindungsstabil erweist oder weil die Schwere der Symptomatik im bisherigen Bezugsrahmen des Kindes nicht aufgefangen werden kann), müssen Maßnahmen der Jugendhilfe eingeleitet werden (z.B. Herausnahme aus der leiblichen Familie, Pflegestellenwechsel).

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Bindungsfähigkeit

Die Grundlagen der Bindungsfähigkeit werden im ersten Lebensjahr des Kindes angelegt.

Ab dem Tag der Geburt ist das Verhalten des Kindes daran ausgerichtet, die Aufmerksamkeit einer erwachsenen Person zu erhalten. Hierfür verfügt es über ein biologisch angelegtes Repertoire an Verhaltensweisen: weinen, schreien, glucksen, grinsen…, die der erwachsenen Person signalisieren, wie sich das Kind fühlt und was es benötigt.

Für die gesunde Entwicklung eines Säuglings ist es absolut notwendig, dass seine primäre Bindungsperson feinfühlig ist. Das heißt, die Signale des Säuglings müssen von der erwachsenen Bezugspersonen verstanden und die dahinter stehenden Bedürfnisse unmittelbar, regelmäßig und zuverlässig befriedigt werden. Dies stellt die existentiellen Grundbedürfnisse (Nahrung, Sauberkeit, Wärme) sicher und gibt dem Kind die Sicherheit, sich auf die Erkundung der Welt einzulassen.

Die erwachsene Bezugsperson muss nicht zwangsläufig die leibliche Mutter sein. Auch andere Erwachsene können diese Rolle übernehmen, wenn sie dem Kind liebevoll begegnen, beständig und für das Kind gefühlsmäßig erreichbar sind und ihre Zahl überschaubar ist. Zwar liebevoll zugewandte, aber ständig wechselnde Bezugspersonen können dem Bindungsbedürfnisses eines Säuglings/ Kleinkindes nicht gerecht werden.

Werden die Signale des Kindes erkannt und seine Bedürfnisse zuverlässig, liebevoll und beständig erfüllt, kann das Kind eine sichere Bindung eingehen. Es wächst in dem Bewusstsein von Sicherheit und Geborgenheit auf und erhält daraus die Zuversicht, auch in neuen Situationen Schutz finden zu können und sie nicht als Bedrohung zu erleben. Es kann „die Welt erkunden“.
Ein bindungssicheres Kind verhält sich eher unternehmungslustig. Solange die Eltern in Sichtweise sind, bewegt es sich von ihnen fort, um seine Umgebung zu erforschen. Es entwickelt Neugier und Selbstständigkeit, denn es weiß, dass es im Zweifelsfall beschützt wird. In ungewohnten Situationen schwindet jedoch seine Neugier und es sucht die Nähe seiner erwachsenen Bezugspersonen, um zunächst von dort aus – sicher und beschützt – die neuen Erfahrungen einzuschätzen.

Das Erleben einer sicheren Bindung und damit verbunden die positiv geprägten Erlebnisse und Erfahrungen führt zu einer Hirnreifung. Bei der Geburt ist das Gehirn nur mit den „genetisch verankerten Programmen“ ausgestattet, die überlebensnotwendig sind. „Alles andere“ muss sich entwickeln. Das Gehirn muss reifen, es werden Vernetzungen aufgebaut. Die Entwicklung dieses Reifungsprozesses ist abhängig von den Erfahrungen, die das Kind macht und den Dingen, die es erlebt. Positive Erfahrungen und Altersangemessene und ausreichende Anreize fördern die Reifung des Gehirns – sowohl im Bereich der kognitiven als auch der emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Aus diesem Prozess entsteht eine emotionale Bindung, die für ein ganzes Leben wichtig ist.

Erleben Kinder in dieser sehr frühen Phase ihres Lebens (und auch darüber hinaus) ihre erwachsenen Bezugspersonen als nicht dauerhaft zuverlässig und beständig, sondern als ambivalent, desorientiert oder gar abweisend oder müssen sie die Erfahrung machen, dass ihre „Bindungsangebote“ (die Signale, die sie geben) nicht angenommen oder falsch gedeutet werden (z.B. bei Vernachlässigung), kann es nicht nur zu körperlich existentiellen Problemen, sondern auch zu langfristigen Bindungsstörungen mit Folgeschäden in der emotionalen Gesundheit kommen.

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Bereitschaftspflege

Bereitschaftspflegefamilien nehmen Kinder oder Jugendliche in akuten oder chronischen Notsituationen (rund um die Uhr) bis zur weiteren Klärung ihrer Situation auf. Die Kinder kehren dann entweder zu ihren Familien zurück oder werden in Pflegefamilien bzw. Einrichtungen vermittelt. Bereitschaftspflegeeltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass es ständig neue, veränderte Situationen in ihren Familien gibt.Sie müssen flexibel in ihen Handlungen und Gedanken sein.

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Besuchskontakte

Besuchkontakte stellen für Pflegeeltern und leibliche Eltern oft eine besondere Herausforderung dar.

Leibliche Eltern werden mit der Familie konfrontiert, die „es besser macht“ und müssen erleben, dass ihr Kind sich an „fremde Personen“ bindet. Dennoch ist es wichtig, dass sich leibliche Eltern darum bemühen, nicht den Pflegeeltern die Schuld für die Unterbringung dort zu geben.

Pflegeeltern werden mit der Herkunft des Kindes konfrontiert und damit, was das Kind vor der Unterbringung bei ihnen, erleben musste. Das bringt häufig Gefühle wie Trauer oder Wut mit sich. Dies ist verständlich. Dennoch ist es wichtig, dass die Pflegeeltern sich bezüglich der leiblichen Eltern um eine Unterscheidung von Persönlichkeit und dem, was sie (nicht) getan haben, bemühen. Pflegeeltern müssen und sollen die Vorkommnisse, die zur Herausnahme des Kindes geführt haben, nicht tolerieren, verschweigen oder beschönigen, sie dürfen aber dennoch die Personen nicht verachten.

Wenn dies gelingt, können auch Besuchskontakte positiv verlaufen. Hierbei werden sowohl die leiblichen Eltern als auch die Pflegeeltern häufig Unterstützung durch das Jugendamt benötigen.

Wer hat ein Anrecht auf Besuchkontakte?

Gem. § 1684 BGB haben Kinder einen Anrecht auf Umgang mit beiden Elternteilen. Dies gilt grundsätzlich auch für Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern leben. Auch die Eltern haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind. Dieses Recht besteht unabhängig davon, ob die Eltern noch sorgeberechtigt sind.
Durch Besuchskontakte sollen leibliche Eltern und Kind den gegenseitigen Kontakt halten.

Gem. § 1685 BGB haben auch andere für das Kind wichtige Bezugspersonen (Großeltern, Stiefelternteil, Lebenspartner der Mutter, ehemalige Pflegeeltern), wenn diese tatsächliche Verantwortung für das Kind übernommen hatten, ein Recht auf Umgang mit dem Kind. Der Umgang mit nahen Bezugspersonen soll dem Kind eine größtmögliche Kontinuität ermöglichen, extreme Brüche verhindern und eine Verbindung zwischen verschiedenen Lebenssituationen schaffen.

Welches Ziel haben Besuchskontakte?

Je nach Unterbringungsform des Kindes werden durch die Besuchskontakte unterschiedliche Ziele verfolgt.

Ist innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes die Rückkehr zu den leiblichen Eltern geplant, dienen die Besuchskontakte der Erhaltung und Festigung der Bindung.

Bei dauerhaftem Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie soll durch die Besuchskontakte erreicht werden, dass sich Pflegekind und leibliche Eltern nicht vollständig entfremden, sondern dass sie um- und voneinander wissen.
Pflegekinder – auch wenn sie bereits als Baby in die Pflegefamilie kamen – wachsen in dem Bewusstsein auf, zwei Eltern (-paare) zu haben und wollen in der Regel „irgendwann“, spätestens in der Pubertät, um ihre Herkunft wissen. Sie wollen die Gründe der Unterbringung verstehen können und eventuell Fragen an ihre leiblichen Eltern stellen, möchten wissen, wo sie ihren Eltern ähneln und wo sie sich unterscheiden… Findet ein durchgängiger Kontakt statt, lässt sich für die Kinder ihre Lebenssituation oft leichter begreifen.

Wurde der Umgang z. B. aufgrund schwerer Traumatisierungen ausgeschlossen oder machen die Eltern von ihrem Besuchsrecht keinen Gebrauch, ist es sinnvoll, für das Kind Informationen und ggf. Fotos zu sammeln, um bei Fragen Antworten geben zu können.

Wer entscheidet über die Besuchskontakte?

Die Planung und Durchführung von Besuchskontakten ist immer an den Bedürfnissen des Pflegekindes zu orientieren aber auch daran, dass die leiblichen Eltern ein Anrecht darauf haben, an der Entwicklung ihres Kindes teilzuhaben.

Über die Ausgestaltung von Besuchskontakten wird in der Hilfeplanung entschieden. Jugendamt, Vormund, leibliche Eltern und Pflegeeltern vereinbaren sich über die Häufigkeit und Dauer der Besuchkontakte, über den Ort und eventuelle weitere Rahmenbedingungen (z.B. begleiteter Umgang) und evtl. Veränderungen zu vorherigen Absprachen.

Wo und wie häufig finden Besuchskontakte statt?

Besuchskontakte können an einem neutralen Ort, z.B. Spielplatz oder Spielzimmer im Jugendamt stattfinden.

Besuchskontakte können auch im Haushalt der Pflegefamilie stattfinden. Pflegeeltern haben aber keine Verpflichtung, dies zuzulassen (Unverletzlichkeit der Wohnung).

Leibliche Eltern können das Kind zum Besuchskontakt abholen und nach Ablauf der vereinbarten Zeit zurückbringen.

Welche „Form“ des Besuchskontaktes gewählt wird, ist immer im Einzelfall abzuwägen. Hierbei sind die Bedürfnisse und das Alter des Kindes, die Vorerfahrungen in der leiblichen Familie, die aktuelle Situation in der Herkunftsfamilie, die Einstellung der leiblichen Eltern zur und das Ziel der Unterbringung (dauerhaft oder Rückführung geplant) des Kindes u.a. zu berücksichtigen.
Gleiches gilt für die Häufigkeit und Dauer der Besuchskontakte.

Gibt es immer Besuchskontakte?

Die Umgangskontakte dürfen das Wohl des Kindes nicht gefährden oder schädigen. Außerdem haben sich die Eltern und weitere Umgangspersonen des Kindes so zu verhalten, dass Beziehungen des Kindes zu den Pflegeeltern nicht beeinträchtigt werden und die Erziehung des Kindes durch den Umgang nicht erschwert wird (§ 1684 Abs. 2 BGB).

Stellen Besuchskontakte eine Gefährdung des Kindeswohles dar (z.B. bei traumatisierten Kindern, die durch die Besuche retraumatisiert werden) können die Umgangskontakte ausgesetzt werden. Auch hierzu bedarf es einer Vereinbarung im Rahmen der Hilfeplanung. Ist diese nicht erreichbar, kann über das Gericht eine Aussetzung der Umgangskontakte beantragt werden (§ 1684 Abs. 4 BGB).

Erfahren die Eltern dann gar nichts über das Kind?

Wurde der Umgang von leiblichen Eltern zu ihrem Kind ausgeschlossen,
steht ihnen ersatzweise ein Auskunftsrecht zu (§ 1686 BGB), sofern sie ein berechtigtes Interesse haben und das Auskunftsrecht keine Kindeswohlgefährdung bedeutet.

Im Rahmen des Auskunftsrechtes stehen den Eltern regelmäßige Informationen über die allgemeine Entwicklung des Kindes zu, nicht jedoch Informationen über jeden kleinen Entwicklungsschritt oder in kurzen zeitlichen Abständen.

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Beistand gem. §13 SGB X

Wenn Menschen sich im Umgang mit Ämtern und Behörden unsicher fühlen oder sich in schwierigen Situationen befinden, in denen sie sich mit Ämtern und Behörden auseinandersetzen müssen, haben sie gem. § 13 SGB X die Möglichkeit, zu Terminen bei Ämtern und Behörden eine Person ihres Vertrauens, einen Beistand, mitzunehmen, der ihnen zur Seite steht oder einen Bevollmächtigen die Verhandlungen für sich führen zu lassen.

Pflegeeltern können im Pflegeverhältnis an einen Punkt kommen, an dem sie Gespräche mit dem Jugendamt nicht mehr alleine wahrnehmen möchten. Wenn sich im Rahmen der Hilfeplanungen unterschiedliche Ansichten ergeben, wenn sich Pflegeeltern von Fachkräften nicht (ausreichend) unterstützt oder von der Herkunftsfamilie angegriffen fühlen, kann es hilfreich sein, eine Vertrauensperson an der Seite zu wissen.

Jede Person kann Beistand sein: eine Freundin, der Nachbar, eine Fachkraft… Wer als Beistand mitgenommen wird, sollte davon abhängig gemacht werden, weswegen er als notwendig empfunden wird. Werden z.B. moralische Unterstützung oder ein Gesprächszeuge benötigt, könnte eine befreundete Pflegemutter Beistand sein. Geht es um konträre fachliche Ansichten oder fühlen sich die Pflegeeltern durch ihre Fachkraft nicht ausreichend unterstützt, bietet es sich an, eine fachlich versierte Person als Beistand zu wählen, z.B. ein Mitglied eines Verbandes. Viele Pflegeelternverbände bilden Mitglieder für die Aufgabe als Beistand aus.

Beistände können eine Pflegefamilie gut unterstützen, sie sind aber keine „Handlanger“ der Pflegefamilie. Geht es rein um moralische Unterstützung und nicht um inhaltliche Auseinandersetzung, kann die Beistandschaft ein Freundschaftsdienst sein. Wird jedoch durch den Beistandes auch fachliche Unterstützung erwartet (oder vertritt der Beistand eine Organisation, z.B. einen Pflegeelternverband) wird er vorab mit den Pflegeeltern besprechen, welche Erwartungen an ihn gerichtet werden, welche Positionen er vertreten soll und ob diese aus seiner Sicht angemessen sind. Ist dies nicht der Fall wird er versuchen, mit der Pflegefamilie eine auch für ihn tragbare Lösung zu entwickeln oder die Beistandschaft ablehnen.

Die Aufgabe des Beistandes ist es nicht, bestehende Konflikte unmittelbar zu lösen.
Dies ist und bleibt Aufgabe der Beteiligten des Pflegeverhältnisses.
Der Beistand kann aber gemeinsam mit den Pflegeeltern das Gespräch vorbereiten, er kann emotional unbeteiligt Problemstellungen von mehreren Seiten beleuchten und Sichtweisen und Argumente der Pflegeeltern diskutieren und gewichten. Er kann Lösungswege vorschlagen. Dies kann bereits im Vorfeld eines Gespräches für Entlastung sorgen und Sicherheit oder sogar neue Sichtweisen schaffen.
Während des Gespräches kann der (in der Regel emotional unbeteiligte) Beistand auch dann noch dem Gespräch ruhig und aufmerksam folgen, wenn die Pflegeeltern emotional aufgewühlt und dadurch unaufmerksamer sind. Er kann das Gespräch dadurch mit den Pflegeeltern nachbereiten. Der Beistand kann auch – wenn das Gespräch gemeinsam mit den Pflegeeltern vorbereitet wurde und der Beistand weiß, worum es ihnen geht – die für die Pflegeeltern wesentlichen Punkte ansprechen, wenn diese sie aufgrund ihrer emotionalen Belastung vergessen oder nicht klar genug ausdrücken können.

Gerade, wenn es Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Jugendamt und Pflegeeltern gibt, kann auch für die Fachkräfte die Anwesenheit eines Beistandes positiv sein. Dies kann zur Versachlichung des Gespräches beitragen.

Das Vorhaben, einen Beistand zu einem Gespräch mit zu bringen, muss nicht angekündigt werden. Es kann allerdings durchaus sinnvoll und ein Zeichen von Fairness sein, den Wunsch vorab dem Jugendamt mitzuteilen. Möglicherweise ergibt sich bereits aus der Ankündigung eine neue Gesprächsmöglichkeit.

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Begleiteter Umgang von Pflegekindern

Begleiteter Umgang von Pflegekindern kann im Rahmen der Hilfeplanung vereinbart oder durch das Gericht angeordnet (§ 1684 Abs. 4 BGB) werden.

Er kommt zum Beispiel dann in Betracht, wenn
· zum Schutz des Kindes eine Beaufsichtigung erforderlich ist,
· die leiblichen Eltern Unterstützung im Umgang mit dem Kind benötigen,
· die Bezugspersonen des Kindes (z. B. Pflegeeltern und leibliche Eltern) in starker Konkurrenz zueinander stehen oder „nichts miteinander zu tun haben wollen“,
· leibliche Eltern die Unterbringung des Kindes nicht akzeptieren können und durch ihr Handeln oder ihre Aussagen das Pflegeverhältnis „torpedieren“ und das Kind verunsichern ,
· nach langer Kontaktpause wieder Kontakte angebahnt werden sollen,
· eine problembeladene Beziehung zwischen dem Kind und der Umgangsperson besteht, die mit Loyalitätskonflikten des Kindes einher geht oder
· Pflegeeltern nicht bereit sind, den Umgang des Kindes zu seinen Eltern aktiv zu unterstützen und es ihrerseits in Loyalitätskonflikte bringen.

Begleiteter Umgang kann übergangsweise (z.B. zu Beginn des Pflegeverhältnisses) oder langfristig stattfinden. Ob eine übergangsweise oder eine langfristige Umgangsbegleitung erforderlich ist, ist abhängig von den Gründen, die die Begleitung erforderlich machten und der Entwicklung, die sich aus dem begleitenden Prozess ergeben können.

Wie umfangreich die Begleitung ist, ist unterschiedlich. Es ist denkbar, dass lediglich eine neutrale Person anwesend ist, die beobachtet oder dass mit den Bezugspersonen des Kindes darüber hinaus gearbeitet wird, um sie zu befähigen zukünftig unbegleiteten Umgang wahrnehmen zu können.

Gelingt es trotz begleiteten Umgangs nicht, einen für das Kind ausreichend sicheren Rahmen zu schaffen, sollte der begleitende und beratende Prozess beendet und eine Aussetzung des Umgangs vereinbart/ bei Gericht beantragt werden.

Die Umgangsbegleitung kann durch das Jugendamt selber erfolgen. Es können aber auch ein freier Träger, eine Kinderschutzorganisation oder eine geeignete Person (z.B. eine Psychologin oder Sozialarbeiterin) damit beauftragt werden.

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